Durch den Schreibwettbewerb bin ich gehörig in Verzug gekommen. Das tut mir ein bisschen leid. Ich versuche, es in Zukunft zu vermeiden. Pfandfinderehrenwort.

Die Szene, Teil 1.

Eine Szene zu schreiben, die fesselt, die mitfühlen lässt, ist keine einfache Sache. Sie braucht Struktur und Leben.

Im Lehrbuch ›How to Write a Damm Good Novel‹ von J.N. Frey aus dem Jahr 1987 habe ich gelesen, dass die Szene aus innerer und äußerer Struktur besteht. (Das Buch gibt es auch auf Deutsch: ›Wie man einen verdammt guten Roman schreibt‹). Beide Ebenen sind essenziell.

In diesem Teil will ich über die äußere Struktur schreiben

Sie kann je nach Szene in zwei Varianten unterteilt werden. Die einfache und die Szene mit Nachspiel.

A) Eine einfache Szene

  1. Ziel
  2. Konflikt
  3. Katastrophe

Ziel: Die Figur, die Person, egal, ob gut oder böse, will mit dem, was sie sagt oder tut, etwas erreichen. Dafür muss sie aktiv werden, passives Herumsitzen bringt sie nicht weiter.

Ein Beispiel aus dem zweiten Buch, ›Almgold‹: Anna Tanzberger ist nicht zufrieden mit den bisherigen Ermittlungen. Sie hat das Gefühl, das steckt noch mehr hinter.

Konflikt: Der Konflikt beschreibt die Probleme, die dadurch entstehen.

In unserem Beispiel: Anna schreit ihren Vorgesetzten an, wirft ihm so ziemlich alles an den Kopf, was sich in den letzten Tagen bei ihr angestaut hat.

Katastrophe: Sie ist der Zusammenbruch.

In unserem Beispiel: Keiner versteht Anna, keiner scheint zu begreifen, was sie will. Das ist WICHTIG! Wenn die Person immer ihren Willen bekommt, wird es schnell langweilig. Niemand wird weiterlesen wollen.

Willi weist Anna zurecht. Sie soll still sein und akzeptieren, dass der Mörder gefasst ist. Ein Schlag ins Gesicht.

Das ist die äußere Ebene einer einfachen Szene. Praktisch das Gerüst, wie die Handlung verlaufen soll.

B) Eine Szene mit Nachspiel

  1. Reaktion
  2. Unlösbares Problem
  3. Entscheidung

Sie hat ebenfalls drei Teile: Reaktion, Zwangslage und Entscheidung. Warum ist das so? Eigentlich ganz einfach.

Ein Beispiel aus dem Leben: Meine Tochter kam zu mir, da war sie 6 oder 7 Jahre alt. Sie wollte einen Hund (Ziel). Ich sagte nein (Konflikt). Resigniert ging sie in ihr Zimmer zurück (Desaster).

Das ist nicht die Realität, jeder kennt es. In Wirklichkeit ist die Angelegenheit noch lange nicht vom Tisch. Denn nun geht der Ärger erst richtig los. Und genau das ist es, was eine Szene mit Nachspiel dem Leser vermitteln soll. Also, was muss passieren?

Reaktion: Die Figur, die Person, meine Tochter, zerreißt es förmlich. Sie leidet stärker als jemals zuvor und kann es nicht abstellen. Sie gerät aus dem emotionalen Gleichgewicht, lässt ihrer Verzweiflung freien Lauf. Es muss aber weitergehen, so kann es nicht enden.

Unlösbares Problem: In welcher unlösbaren Situation war meine Tochter, oder ist Anna? Bei meiner Tochter ist es offensichtlich. Ich hatte nein gesagt und ihr war sofort bewusst, dass sie nichts dagegen unternehmen konnte. Außer zu weinen. Ich hatte ein Machtwort gesprochen.

Bei Anna ist es ähnlich. Willi hatte nein gesagt, eigentlich hätte sie sich nur fügen können. Sie ist Revierinspektorin, er Leutnant. Sie erst seit ein paar Wochen beim LKA, er hat jahrelange Erfahrung. Schluss! Ein unlösbares Problem. Aber Anna wäre nicht Anna, wenn sie das so einfach hinnehmen würde. Das galt übrigens auch für meine Tochter.

Entscheidung: Was nun noch fehlt, ist das, was Leser lieben, was das Buch interessant macht und dem echten Leben am ähnlichsten ist.

»Schatz, reichst du mir die Butter?«
»Aber sicher, Liebling.«
»Bitte auch das Salz.«
»Hier bitte.«
»Kann ich noch etwas Saft haben?«
»Gern, mein Traummann.«

Diese Szene ist es jedenfalls nicht.

Bei meiner Tochter entflammte der Wunsch, ihr Sparschwein zu töten und den Hund selbst zu kaufen. Zwei Jahre später war es soweit. Das Ergebnis der Entscheidung muss nicht unmittelbar verwirklicht werden.

Anna ist wutschnaubend vom Hof der Bachlingers gefahren. Sie ist Simon, dem jüngsten Mitglied der Familie auf die Alm gefolgt. Es war die richtige Entscheidung, denn sonst hätten wir nie den wahren Hintergrund der Mordserie erfahren.

Nun ist die Szene komplett, der Kreis ist geschlossen. Eine neue Szene kann beginnen.

Ich muss noch erwähnen, dass die Entscheidung auch falsch sein kann. Willis Entschluss, die Ermittlungen abzubrechen, war der verkehrte. Der Hund war es auch.

Es geht nicht um richtig oder falsch, ja oder nein. Es geht darum, dass die Person, die Figur eine Entscheidung trifft und diese umsetzt.

In der nächsten Woche kommt die innere Struktur zur Sprache.

Dann wird spannend.
Euer Karel

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